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img_1394_vukovarVUKOVAR. Geboren in Vukovar.  Der zerschossene Wasserturm wankte quer durch die Gedanken. Von weitem sehe ich das Kreuz aus schneeweissem Marmor von dem grauen Himmel stehen. Die Donau strömt, ruhig, mächtig. Fraglos. Die schmale, kleine Vuka ergibt sich in ihr Schicksal, schmiegt sich noch ein wenig an das schwere, fast lautlos daherrollende Wasser und verschwindet dann spurlos. Am 17. April 2009 war ich hier, mitten im Krieg, der schon lange vorbei war.

Ivana Bodrožić (*1982) ist in dieser Stadt geboren. Die Kroatin macht Gedichte und ihr Romandebüt war erfolgreich.  „Bis vor wenigen Jahren,“ lässt die Presseaussendung sie sagen, habe sie gedacht, ihr bisheriges Leben sei verlaufe wie das aller Gleichaltrigen: der erste Kuss, der erste Vollrausch in der Jugenddisco. Dann aber sei ihr bewusst geworden, wie sehr ihr Heranwachsen in den Neunzigern vom Krieg überschattet wurde, von der Vertreibung ihrer Familie aus der kroatischen Stadt Vukovar, von der Ungewissheit über das Schicksal des eigenen Vaters.“ (Kulturspiegel 3/2012).

Die Region um Vukovar an der Grenze zu Serbien war während des Kroatien-Kriegs 1991-1995 das am stärksten umkämpfte Gebiet, dann serbisch besetzt mit den üblichen, unsäglichen, gewalttriefenden Folgen, an denen Menschen noch Generationen später abarbeiten, was ihnen in heilloser Verblendung von Nächsten angetan worden ist. Der Krieg lässt im Leben von Menschen „eine neue Zeitrechnung“ beginnen: „An einem Nachmittag, meine Cousine und ich waren gerade auf dem Weg nach Hause und liefen auf einer Kiesstraße, hörten wir plötzlich das Heulen der Sirene, es war ein Luftalarm. Ich fing an zu schreien und zu weinen. Wir bekamen Panik und rannten in das nächstbeste Nachbarhaus. Es ist damals nichts weiter passiert, doch es hatte eine neue Zeitrechnung begonnen.“  Der Krieg, wenn er dich erreicht, setzt er eine neue Zeitrechnung in Gang.

Katarina Kruhonja (*1949), Ärztin aus Osijek, ausgezeichnet mit dem „Right Livelihood Award“ (1998, gemeinsam mit Vesna Terselic) hat das auch erlebt. Sie hat in Vukovar gearbeitet. Während der Krieg mit Bomben und Granaten in Vukovar einzog, war sie in einen Bunker geflüchtet, wo sie sich Seite an Seite mit einem serbischen Mann, den sie nicht kannte, wiederfand. Als sie ihm die Augen sah, erkannte sie keinen Mitmenschen, sondern den Feind, den Gegner, die Bedrohung. Aber im gleichen Augenblick wußte sie auch, dass sie das nicht wollte, dass sie Opfer der Angst ein sollte, ein Kind des Krieges. Gemeinsam mit dem unbekannten Mann an ihrer Seite hat sie begonnen für den Frieden zu arbeiten. Was das heissen kann, beschreibt sie im Nachhinein so:   „Zwei Dinge sind für mich zentral – meine Wurzeln und meine Werte. Meine Familie hat mir viel mitgegeben. Dafür bin ich dankbar. Und dann: auf die innere Stimme zu hören und zu prüfen, ob ich friedvoll bin. Ich bin Christin. Das heißt, mich beständig zu fragen, was mich verwirrt und verstört – und den inneren Frieden zu suchen.“

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Ob sich Ivana und Katarina kennen?  Ihre Geschichten aber gehen irgendwie ineinander, überschneiden sich. Ivanas neuer Roman „Hotel Nirgendwo“ sei ein „großes Dokument der Selbstbehauptung, voller Witz und Leichtigkeit, ohne falsche Sentimentalität. Mit den Augen von Ivana Bodrozic betrachtet, erscheint die Realität des Krieges in einem neuen Licht.“ (Perlentaucher). Das ist eine gute Nachricht, eine Art Weihnachtsgeschichte sogar, wo Sterne aufgehen und neues Leben erwacht, wundersam. Ich weiss nicht, ob sie Christin ist – deutlich wird, das sie eine Poetin ist – das reicht weit.

Der Duft war unwiderstehlich. So habe habe in Vukovar Cevapcici gekauft, mich auf den Gehsteigrand gesetzt und sie genossen. Der Verkäufer sprach bestes Deutsch. Er hatte es in Duisburg gelernt, wo er gelebt hatte bis er in die zerschossene Heimatstadt zurückgekehrt war und mit mit seinem Strassenladen die Esskultur bereichert und seine ziemlich große Familie über die Runden bringt. Ich sehe das übergroße kroatische Kreuz aus schneeweissem Marmor vor mir, das an der Mündung der Vuka in die Donau nach Serbien hinüberblitzt, zu den orthodoxen Geschwistern. Es ist mir leicht schwindelig beim Blick in die ruhig und mächtig nach Osten strömenden Donau während sich das schmale Wasser der Vuka ein wenig an ihrer Seite wellt und dann in ihr aufgeht – als ob nichts gewesen wäre. Und von Weitem höre ich Joe Cocker singen „N’oubliez jamais … every generation has it’s way … a need to disobey…“ und schöpfe ein wenig Hoffnung im Angesicht des zerschossenen Wasserturms.Vielleicht riecht der Frieden auch so?

Ach ja, Ivana Bodrozic, liest in Wien. Wunderbar!

Ivana_Simi__Bodro__253260S1Dienstag, 29. Jänner 2013
DEPENDANCE OST:
IVANA BODROŽIĆ / KROATIEN
WRITER IN RESIDENCE (ULNÖ-ATELIERGAST) LIEST AUS HOTEL NIRGENDWO

ORT: Buchkontor, Kriemhildplatz 1, 1150 Wien
BEGINN: 19 Uhr
EINTRITT: frei

 

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