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Überrascht – ja, auch. Eher aber: verblüfft. Ja, Verblüffung, das war’s. Ungewollt öffnet sich der Mund ein wenig. Die Augen werden größer, ob sich die Pupillen auch weiten, weiss ich nicht. Die Vorwärtsbewegung des Körpers wird aufgehalten, kommt ins Stocken. Wie angenagelt stehst du in der Zeit. Leicht schräg, vorgeneigt. Wie die gedachte Achse zwischen Polen. Eingespannt. Nur, dass sich alles um dich bewegt, normal, als ob nichts wäre. Die Stimmung ist freundlich. Das weiss-rot gepunktete Universum kommt dir entgegen. Die weissen Punkte kitzeln die Mundwinkel. Zaghaft, vorsichtig dämmert dir im Augenblick, was eine freundliche Übernahme ist. Das geht alles ohne Wörter ab, wird eingetragen in die Archive des Hier und Jetzt. Abgelegt.

Man hatte die Bäume angezogen. Von etwa 50 cm über dem Boden waren die Stämme der Platanen mit weiss gepunktetem , rotem Stoff bis hinauf, wo sich die dicken Äste aus dem Stamm verzweigen, bekleidet. Nicht verkleidet oder verhüllt, so wie Christo das macht. Die Bäume waren angezogen, be-kleidet. Eine Art von Trikotstoff, der sich auch für Strumpfhosen geeignet hätte. Auf der rot-orange gefärbten Fläche waren weisse Punkter in verschiedener Grösse ausgespart. Seit dem 12. Jänner 2013 sind die „Axois“ (die Leute aus Aix-en-Provence) und die Gäste aus aller Welt, die sich den Besuch einer der beliebtesten Städte der Franzosen, auch im tiefsten Winter nicht nehmen lassen wollen, diesen phänomenalen Anblick ausgesetzt gewesen. Der Cours Mirabeau und seine Platanenallee zwischen der Rotunde und dem Denkmal des „guten“ König René, ein ganz berühmter Flecken Welt, diente YAYOI KUSAMA als Medium für ihre Kunst.

IMG_5578Yayoi Kusama, die – auf eigenen Wunsch und aus gutem Grund – in einem psychiatrischen Krankenhaus in Tokyo lebt und diesen Ort nur verlässt, um in ihrem nahe gelegenen Atelier zu arbeiten, schätzt Platanen (und nicht nur Platanen): „Sie weisen mich auf das Mysterium hin, auf die Schönheit und die Großartigkeit des Lebens, für unseren Planeten und für jeden von uns. Die Platane symbolisiert die Regeneration (Wiedergeburt) denn sie verliert ihre Haut einmal im Jahr, wie die Schlange. Die Platane ist ein bemerkenswerter Baum.“ Die Sache mit den „Polka-Dots“ – das scheint ein Terminus technicus in der Kunst- und Modewelt  zu sein – gehört nun sozusagen zum inneren Kern ihrer künstlerischen Arbeit. Es ist nicht zum ersten  Mal, dass sie Bäume bekleidet hat. In dieser Neudefinition einer partiellen Wirklichkeit, drückt sich das Konzept der japanischen Künstlerin aus. Sie sagt: „Ich habe den Wunsch in mir, das Unendliche des Universums von mir ausgehend, zu messen, indem ich die Akkumulation der Partikel sichtbar mache. Das mache ich in einem Gefühl der Vorahnung und werde mir dabei bewusst, was mein Leben ist – ein Punkt. Mein Leben, das heißt ein Punkt in der Mitte dieser Millionen von Partikeln, die Punkte sind.“

Frau Kusama bringt es ‚auf den Punkt‘. „Es ist mir gleich ob ich berühmt bin oder nicht. Ich bin einzig am schöpferischen Prozess interessiert.“  Die 83jährige Japanerin ist in der Szene ganz weit vorne und oben etabliert.  In der Tate Gallery oder im Whitney Museum of Amerika gab es viel beachtete Retrospektiven. In den 90er Jahren inspiriert sie zahlreiche Künstler/innen. „Tatsächlich“ sagt sie im Interview (1) per Email „bin ich derart beschäftigt gewesen, dass ich gar nicht gemerkt habe, dass ich berühmt geworden bin. Ich habe darüber nie nachgedacht. Ich habe mein Leben gelebt, ich habe viel gelernt über die Natur und was das Leben ist. Damit ich meine Bewunderung und meine Dankbarkeit dem Menschlichen gegenüber ausdrücken kann, habe ich die Kunst als Mittel gewählt und ich bin entschieden, meine menschlichen Qualitäten zu verbessern.“ Punktum.

Dass Yayoi Kusama die Platanen in Aix-en Provence für die Dauer eines Monats mit ihren Punkten verzaubern konnte, hat auch mit dem künstlerischen Direktor des Hauses Louis Vuitton zu tun. Die eleganten Behältnisse von Vuitton lassen sich mit Kusamas Polka-Dots verschönert noch besser verkaufen, sodass Marc Jacobs „seine“ Künstlerin sozusagen für die Eroberung der Platanen von Aix freigestellt hat: „Darüber“ wie auch für alle anderen ihrer „Polka-Dots“ im öffentlichen Raum „bin ich sehr glücklich“, schrieb sie in Ihrer Antwortmail an „La Provence“, die regionale Tageszeitung. Diese ihrerseits durfte sich auch glücklich schätzen über das gewährte Interview – ein Ereignis mit Seltenheitswert, wie man betonte. Und schließlich bin da noch ich, der sich auch glücklich schätzt, zur rechten Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein, um sich von den phänomenalen Punkten der Frau Kusama verzaubern zu lassen. Sayonara!

(1) Artikel von Marie-Eve Barbier in LA PROVENCE (14.02.2013)

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