vom be- kommen

fullsizeoutput_1334Die katholischen Christen der Diözese Innsbruck haben einen neuen Bischof bekommen.  An einem Bischof ist nicht unwesentlich, dass die Gläubigen einer Diözese ihn „bekommen„. Man kann ihn sich nicht aussuchen oder gar – wie ziemlich einige möchten, meinen, hoffen, ersehnen und/oder glauben – wählen.
Der poetische Kommentar steht aktuell im Spielraum zwischen der Freiheit des Christenmenschen und dem im Schatten der Zeit gewachsenen Dickicht der Traditionen römisch-vatikanischer Personalpolitik.

spruch des briefträgers
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jeder bekommt von mir
was ihm zusteht.
kein bisschen mehr.

was ihm zusteht bestimme nicht ich.
was einem zusteht, bestimmen
die anderen.
doch was einem zusteht

bekommt er oder sie von diesem
aber durch mich. ich stelle briefe zu.

die zustellung geschieht ohne rücksicht auf
inhalt und form. was gegeben
werden will bestimme nicht ich.

was gegeben werden will
bestimmen die anderen. inklusive das
was zwischen, über, unter oder
hinter den zeilen steht oder stehen kann
oder soll

das alles
sagt der briefträger, geht mich nichts an.
das habe nicht ich zu bestimmen oder bestimmt.
das haben andere bestimmt.
meine zuneigung
endet am briefkasten. manchmal nur, schimmert ein gedanke
von unglück für jene, die ein postfach haben.
sie können nicht warten
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aus: Walter L. Buder, dich. gedichte. Hard (Hecht-Verlag) 2017.

papa party

83863256-w-600Das ist alles zusammen EIN einziges, ziemlich grosses – dem oberen Teil eines Krummstabs ähnliches – ein kapitales Fragezeichen: Hinter den scheeweissen, liturgischen Gewändern der Kleriker leuchtete, nein: schillerte es in den grauen Himmel Roms – und man musste schon beide Augen heftig zudrücken, um es zu übersehen.
Ein Papa actualis vivens, ein Papa vivens emeritus, ein Papa sanctus mit Wunder und ein Papa sanctus ohne Wunder präsentierten sich den Gläubigen auf dem Petersplatz, dessen Grenzen für eine Zeit lang mit den Grenzen der Welt verschwommen sind und den horizontlosen Rahmen für einen „4-Papa-Party“ abgaben, die ihresgleichen bis dato noch nicht gefunden hatte und deshalb als „historisch“ qualifiziert wurde. Die katholische Version des Vatertages ?
Mit Robert Mugabe, Diktator mit blutigen Händen, direkt aus Zimbabwe angereist; alte Herrlichkeiten und zeitweilige Elefantenjäger und ähnliches mehr, immer mit den mehr oder weniger häufig betrogenen Ehefrauen, züchtig mit bedecktem Haupt und die Hände des ‚Paps‘ küssend, der sein Ohr – post festum, klar – ganz dem Herrn Gänswein geliehen hatte, damit er ihm die richtigen Namen einflüstern konnte … zur richtige Zeit … und dann, ja eben –
Heerscharen von in Weiss gekleideten Klerikern (Patres, Fratres, Fratellis et cetera) am Weissen Sonntag – hätte die Sonne geschienen, wäre er vor lauter strahlendem Glanz und Gloria zum „Weisser-als-weiss(en)-Sonntag“ mutiert – und die Diözese Rom hätte den „Weissen Riesen“ (sic!) auch noch zu den Sponsoren ihrer Sancti nehmen können.
Der gute Angelo aus Sotto il Monte (I)  und der ‚eilige’ Karol aus Wadowicze (PL) sind von ihren Nachfolgern Benedikt aus Marktl am Inn (D) – als Vorbereiter – und von Jorge aus Flores bzw. Buenos Aires (RA) als Realisator zur Ehre der Altäre gehievt worden. Der eine mit der andere ohne Dispens vom Wunder. Der eine soll – vom Himmel aus (!) – das Rumoren der Einen der andere das der Anderen befrieden. Eine Heiligsprechung als beruhigender Eingriff in offene Klerikerquerelen – ziemlich steile, doch unwidersprochene These, die da die Runde durch die Kommenatatorenkabinen machte. Querelen, die Jesus – damals – auf kurzem Wege so löste: „Und ich rief ein Kind zu mit, herzte es stellte es mitten unter sie. Wenn ihr nicht umkehrt …“ (1)
Wenn alte Herren in gewissen Stunden ihre Lebenswerke betrachten – bisschen traurig, bisschen fröhlich und mit einer gewissen, gelassenen Feierlichkeit das Vereinsheim bevölkern – und sich erklären, wie wichtig und bedeutsam – als ob es gestern gewesen wäre – es doch gewesen sei. Tja, das passiert mir schon auch – von Zeit zu Zeit! Dann glorifizieren wir ein bisschen die Taten der alten Tage, stellen sie ins warme Leuchten der untergehenden Sonne, dorthin, wo zur rechten Zeit auch Zwerge lange Schatten werfen! Und mit dem weichen Erinnerungs-Radiergummi sorgen wir für Profilschärfe – für die Söhne in Zukunft eher als für uns!
„Bitte nicht stören“ hört man dann das Mariele vom Kronenwirt von hinter dem Zapfhahn her rufen: „Papaparlaparty“… und wenn sie gut drauf ist, am Samstagabend, nach der Frauenmesse, zum Beispiel, dann ruft sie zum Stammtisch hinüber:  „Wenn der Tag kommt, werden euch die Augen übergehen, frei nach Jo 16″, denn das Marille hat einen ausgesprochenen Sensus fidelium. Und dann ruft sie noch: Na dann, prost!
(1) nach Jörg Amann, Vater, warum hast du mich verlassen. Die Autobiografie Jesu Christi. Arche (Zürich) 2013, S. 65.

Aller seelen

Logo Lampert 4C cmykCarl Lampert schreibt am Allerseelentag 1944 aus dem Wehrmachtsgefängnis „Fort Zinna“ in Torgau. Bis zu seiner Hinrichtung sind ihm noch 12 Tage gegeben. Seit dem Frühjahr 1940 leidet der katholische Priester und Provikar der Apostolischen Administrator Innsbruck-Feldkirch in verschiedenen Nazi-Gefängnissen. 

Allerseelentag – früh!

Wie freue ich mich, meine drei Messen auch in meiner Lage feiern und so mich mit der Weltkirche „opfernd und betend und fürbittend“ für die armen Seelen einschalten zu können und hungernden Seelen hier in der Enge dieses Hauses heimlich das Brot des Lebens reichen zu dürfen! Deo gratias!*) – Kettenklirrend zog der traurige Zug der hiesigen Todeskandidaten in der Freistunde „zur Erholung“ (!) her den Gefängnishof; – schon bald 3/4 Jahr mache ich täglich diese „Erholung“ mit, mit der ganzen Skala der Gefühle, die einem solchen Schauspiel eigen sind! Viele, die hier mit mir sich erholen, hat der Tod bereits geholt; – und ich walle noch – wie lange noch! Aber heute muss ich noch an andere Fesseln und Ketten denken, die arme Seelen schmerzend binden, – und ich weiß nicht, welche mehr Pein bereiten, die er armen Seelen im Fegefeuer – oder die so schrecklich klirrenden und rasselnden der „armen Seelen auf Erden“! – Da schreit mein ganzes Herz durch den grauen, schwerlastenden Novembernebel zum Himmel; „Libera nos, Domine, de morte transire ad vitam, – dona nobis – eis requiem …!“**) Was sagst Du mir – Allerseelentag 1944!? – „Stell auf den Tisch die duftenden Reseden, flicht auch blühende Zyanen hinein und lass uns von der Liebe reden, wie einst im Mai!“ Liebe, – wie leidest Du in dem Hass dieser Zeit! Hass der Zeit, wie quälst Du die Liebe der Ewigkeit!!

aus: Susanne Emerich (Hg.) Carl Lampert – Hätte ich nicht eine innere Kraft … Leben und Zeugnis. Innsbruck (Tyrolia) 2011.

*) Deo gratis! = Dank sei Gott!
**) Libera nos, Domine, de morte transire ad vitam, – dona nobis – eis requiem … = Befreie sie, Herr, – mach, Herr, dass sie vom Tod zum Leben hinübergehen, – gib uns – ihnen die Ruhe!

Von Evernote versandt

gewalt frei

JeanGoss„Man muss die Wahrheit aussprechen, das Unrecht anprangern, so wie Jesus es getan hat. (…) Dieser Weg ist so mächtig wie die Atombombe. Er kann alle ungerechten Strukturen auf der ganzen Welt verwandeln. (…)“

So redet Jean Goss – geboren am 20. November 1912. Arbeiter, Gewerkschafter, Christ. Der 28jährige, wehrhafte, für seine Tapferkeit im Kampf ausgezeichneten, Unteroffizier der französischen Armee erlebt in der Schlacht um Lille im Mai 1940 eine ausserordentliche Bekehrung zur Menschenliebe, sprich: Gottes- und Nächstenliebe, die in Gestalt der Gewaltlosigkeit sein weiteres Leben durch und durch bestimmt.

„Gewaltlosigkeit ist die größte Macht, die der Menschheit zur Verfügung steht. Sie ist mächtiger als die mächtigste Zerstörungswaffe, die die Menschheit ersonnen hat.“

So redet Mohanda Karamchad Ghandi. Am Geburtstag (2. Oktober 1869) von Mahatma, der grossen Seele“ wird seit 2007 der „Internationale Tag der Gewaltlosigkeit“ begangen. Mahatma Ghandi ist in den Augen der Welt und auch im Blick vieler Christen/innen ein – oder wohl eher: das – Inbild kämpferischer Gewaltlosigkeit.

Der Weg der Gewaltlosigkeit bedarf  „grosser Seelen“, sprich: eines starken Glaubens, einer unzerstörbaren Hoffung und einer Liebe, die zur Hingabe des Lebens bereit ist. Wer ihn gehen möchte, im Kleinen wie im Grossen, wird diesen Anspruch sofort verspüren. Den Blick in solchen, entscheidenden Momenten auf die „Wolke der Zeugen“ (Hebr 12,1) richten zu können kann helfen. Aber, wie auch immer, man wird – trotz seiner strahlenden Helle und schmerzlichen Klarheit – den wohl wahren Gedanken von Simone Weil (1909-1943) in diesen Dingen, nicht unterschlagen können: „Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen, und wer sich weigert es zu ergreifen, wird durch das Kreuz umkommen.“  Wer es fassen kann, der fasse es!

Fotonachweis: hier

Frère Roger von Taizé

frere-roger - Arbeitskopie 2Am 16. August 2005 ist der Gründer und Prior der Brüdergemeinschaft von Taizé im Abendgottesdienst der Gemeinschaft durch die Messerstiche einer rumänischen Frau ums Leben gekommen. Er stand im 91. Lebensjahr. Sein Werk ist die Folge der konsequenten Realisierung (s)einer Lebensberufung. Frère Rogers persönliches Zeugnis, gehören wie sein Denken und sein Werk – die Communauté de Taizé – gehören zu den grossen und bedeutsamen Wegweisungen für die Menschen ins 3. Jahrtausend. 

„Heutzutage kann und darf ein Christ nicht unter den Nachzüglern der Menschheit und ihren vergeblichen Gefechten finden. Dort darf ein Christ nicht stecken bleiben.
Im Kampf um die Vernehmbarkeit der Stimme derer, die im Verborgenen leben, um die Stimme derer, die keine Stimme haben, im Kampf um die Befreiung jedes menschlichen Wesens, muss sein Platz in der ersten Reihe sein. Und gleichzeitig stehen die Christen – auch wenn sie umgeben sind vom Schweigen Gottes – unter dem Druck einer essentiellen Realität: Der Kampf für und mit den Menschen findet seine Quelle in einem anderen Kampf, der immer schon tiefer eingeschrieben war in sein eigenes Kreuz, an jenem Ort, von keiner dem anderen ähnlich ist. Dort berührt er die Pforten der Kontemplation. Kampf und Kontemplation: Wird unsere ganze Existenz – eingespannt zwischen diesen beiden Polen – ganz und gar ihren Platz finden?“

(aus: Frère Roger, Lutte et contemplation. Presses de Taizé, 1973. Übersetzt von W. Buder)

hüten

 picasso_mann+schaf_vallauris

hüten

in zaunloser weite
wie ausgesetzt aber nicht rastlos
im horizont der schöpfung
boden gewinnen

schreitend im takt zeitloser unrast
wie wankend aber nicht ruhelos
im lichtkreis des stabes
seelen nähren

und bergen. und schützen. und sorgen.
neugeborene im unterholz, verstecktes leben
retten und heilen, vielleicht.
immer aber
gefährlich entschieden
und

einfach sein
den träumen ein auge
den leiden ein herz
den mächten ein widerfahrnis
das feld zu behalten, widerstehen.

und hüten. das offene
geheimnis
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walter l. buder (20110728)

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Foto: 06 – VALLAURIS.

L’Homme au Mouton. Picasso.

Plakatierte Nächsten Liebe

Plakatierte Nächstenliebe

Die FPÖ hat ihren Wahlkampf eröffnet und die Liebe zum Nächsten plakatiert. Die Kirche(n) reagieren verlegen. Die hemmlungslose Ausbeutung der emotional-religiösen Begriffswelt signalisiert den weit fortgeschrittenen, gesellschaftlichen Zynismus, ohne den ein solcher Wahlk(r)ampf nicht funktionieren kann.. 

IMG_6393Während sich die Evangelischen in die Bresche werfen (nicht nur der Herr Chalupka, eher sanft und besonnen, sondern auch sein Chef, Bischof Bünker, der poltert ganz ordentlich) ist von den Katholischen wenig zu hören – oder übersehe ich da etwas?
Offenbar wird, dass die Kirche(n) die „Themenführerschaft“, oder genauer: ihre „Interpretationshoheit“ definitiv verloren, wenn nicht verspielt, haben.
Es ist noch nicht lange her, dass Eskimo-Langnese eine Serie bestimmter Eissorten nach den sieben Hauptsünden benannt hat. Und dass „Geiz geil ist“, hat den Leuten vom Mediamarkt gute Umsätze und viel Publizität gebracht. Weshalb also, sollte denn ein Politiker mit der „Nächstenliebe“ auf seinen Plakaten hausieren gehen?

Strache steht zu seinen Plakaten, wie zu sich selbst. Nicht erst seit heute plakatiert er bzw. seine Partei ihre ureigenste Haltung, ihre Denk- und Handlungsweise, die – was man auch nicht er seit heute erlebt – durch „beißenden Spott geprägt ist und dabei oft bewusst die Gefühle anderer Personen oder gesellschaftlicher Konventionen missachtet“. Genau so aber wird Zynismus bzw. das Adjektiv zynisch definiert. Das aktuelle Plakat der FPÖ und die Strategie von H. C. Strache können nur vor dem Hintergrund eines gesamtgesellschaftlich wohlgelittenen, ja populären und als ’normal‘ angesehenen Zynismus funktionieren.

Was kann man tun?

  • In der Praxis ist plakatierte Nächstenliebe leicht von echter Nächstenliebe zu unterscheiden. So leicht, wie ein Porno von leibhaftiger Liebe, nur zum Beispiel.
  • Wer es theoretischer mag, kann im 1. Brief an die Korinther, Kap. 13 nachlesen. Wie weit die FPÖ-Plakat-Liebe von der Wirklichkeit entfernt ist, lässt sich in Kilometern gar nicht ausdrücken.

Zum Schluss, die Glaubwürdigkeitsfrage, naja, ein Versuch im Fragment, aber es dürfte klar werden, was gemeint ist:

paaaappiiii
warum sind Plakatwände
sooooooo lang ?
stimmt.
denkt papi.

lügen sagt man
haben
kurze beine.