vom be- kommen

fullsizeoutput_1334Die katholischen Christen der Diözese Innsbruck haben einen neuen Bischof bekommen.  An einem Bischof ist nicht unwesentlich, dass die Gläubigen einer Diözese ihn „bekommen„. Man kann ihn sich nicht aussuchen oder gar – wie ziemlich einige möchten, meinen, hoffen, ersehnen und/oder glauben – wählen.
Der poetische Kommentar steht aktuell im Spielraum zwischen der Freiheit des Christenmenschen und dem im Schatten der Zeit gewachsenen Dickicht der Traditionen römisch-vatikanischer Personalpolitik.

spruch des briefträgers
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jeder bekommt von mir
was ihm zusteht.
kein bisschen mehr.

was ihm zusteht bestimme nicht ich.
was einem zusteht, bestimmen
die anderen.
doch was einem zusteht

bekommt er oder sie von diesem
aber durch mich. ich stelle briefe zu.

die zustellung geschieht ohne rücksicht auf
inhalt und form. was gegeben
werden will bestimme nicht ich.

was gegeben werden will
bestimmen die anderen. inklusive das
was zwischen, über, unter oder
hinter den zeilen steht oder stehen kann
oder soll

das alles
sagt der briefträger, geht mich nichts an.
das habe nicht ich zu bestimmen oder bestimmt.
das haben andere bestimmt.
meine zuneigung
endet am briefkasten. manchmal nur, schimmert ein gedanke
von unglück für jene, die ein postfach haben.
sie können nicht warten
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aus: Walter L. Buder, dich. gedichte. Hard (Hecht-Verlag) 2017.

im aufbruch bleiben

Werner Ertel voller Freude auf der syrischen Autobahn
Werner Ertel voller Freude auf der syrischen Autobahn

Am Ostermontag vor vier Jahren (13. April 2009) nahm die Friedensradfahrt 2009 von Wien nach Jerusalem ihren Anfang . Geboren wurde sie im Herzen von Werner Ertel. Er hat im Juli 2011 das Zeitliche gesegnet. Werner Ertel war ein Jünger des Franziskus von Assisi und mit einem geradezu kindlichen Vertrauen begnadet. Bruder Tod hat ihn vom Fahrrad geholt. Armut, Gerechtigkeit und Frieden vor allem, das waren die Schätze seines Lebens. Das Leiden der Palästinenser/innen berührte den Journalisten. Juden, Muslime und Christen, Friedensfreunde/innen aller Richtungen und Denkweisen begann er um sich zu versammeln, in der Absicht, dem Friedenswillen Gestalt zu geben und ihn als Botschaft nach Jerusalem zu tragen. Eigentlich: zu fahren, mit dem Fahrrad nämlich! Übrig blieben schließlich ein paar Kirchenchristen, einige Getaufte und Frauen und Männer guten Willens – ein/e jede/r auf seine Weise dem Frieden zugetan. Das Fahrrad als Mittel der Fortbewegung war zu keinem Augenblick in Frage gestellt, manch anderes ziemlich heftig. Soviel ich weiss und gehört habe, denn ich gehörte zu den Letzten, die sich entschlossen hatten, die Reise nach Jerusalem zu unternehmen.

Damals war schönes Wetter. Wir starteten bei Sonnenschein. Ein paar Pressleute waren da, ein paar Zuschauer/innen, ein paar Familienmitglieder und/oder Freunde der Friedensradfahrer/innen waren da.

Du kennst das vielleicht auch. Dein Herz ist unruhig. Und es dauert, bis du bereit bist, das zu erkennen. Es dir einzugestehen. Im Stillen, nur für Dich, wie eine Liebe. Du hast viele Tage hinter dir und hast – immer noch – eine Ahnung davon. Ein Ahnung ist ein Wissen in Gestalt des Möglichen. Sie schlummert in den unbekannten Tiefen einer Menschenseele, zeitlos, wie ein Kind in der Wiege. Eine Gewissheit noch weit vor der Erkenntnis und tausendmal sicherer als diese.
Du brauchst keinen, der dir das erklärt. Du brauchst Vertrauen. Diese unsichtbare Brücke über den tobenden Wassern. Im freien Handeln nicht erhältlich. Ohne Wert, beim Erwerb unter der Hand. Nicht käuflich, wenn es denn – auch echte – Ware wäre. Unbeweisbar. Das Fundament der Welt. Unzerstörbar. Schmerzempfindlich. Der Dünger für die keimende Wahrheit.

Das Grab ist leer. Der Stein ist weggerollt. Immer bist du der/die Erste dort. Dein Glück ist, jemanden zu haben, dem du das sagen kannst. Wenn du überhaupt Worte findet. Was du gesehen hast, gehört und was eben nicht. Auf dem Rathausplatz habe ich Maria Magdalena kennengelernt. Und diese irre Geschichte mit dem leeren Grab und der nackten Wahrheit mit dem weggerollten Stein. Alles ist offengelegt. Es gibt keine Geheimnisse mehr. Der Vorhang ist zerrissen. Der Blick ist frei. Ist das der Ausgangspunkt meiner Lebensreise? Endlich angekommen am Anfang? Nach so vielen Kilo- und Höhenmetern. Den unzähligen Begegnungen, den wunderbaren vergessenen und den schrecklichen, die einem in die Seele geschrieben bleiben, unvergessbar. Den Repetitionen des Confiteor und des Sursum Corda?

Dann gab Werner das Zeichen. Er klingelte mit seiner Fahrradglocke. Unbekannte Menschen lächelten mir zu. Die Fahrradklingeln der anderen kamen dazu. Man rief sich freundliche Worte zu. Es ging stadtauswärts. Zügig. Abends waren wir in Sopron. Gut gegangen. Ich hatte Mühe, den Aufbruch zu bewahren. Zu sein und zu werden im selben Augenblick. Ankommen im Aufbruch und bleiben._

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Josef Mann, Nie wieder Jerusalem?
3.712 Kilometer für den Frieden unterwegs. Klappenbroschur, 320 Seiten, 64 Farbfotos, 1 Landkarte; 21,5 x 13,5 cm, 460 g; ISBN: 978-3-200-02125-9. Erscheinungsdatum: 02. 2011, 2. Auflage: 10. 2011; EUR 19,80 (A)/19,30 (D)/CHF 35,00

Dieter Zumpfe,
Ins Meer der Freiheit. Nach Jerusalem – Radpilgern für den Frieden. Hohenems-Wien (Bucher) 2011. Bestellen.