vom be- kommen

fullsizeoutput_1334Die katholischen Christen der Diözese Innsbruck haben einen neuen Bischof bekommen.  An einem Bischof ist nicht unwesentlich, dass die Gläubigen einer Diözese ihn „bekommen„. Man kann ihn sich nicht aussuchen oder gar – wie ziemlich einige möchten, meinen, hoffen, ersehnen und/oder glauben – wählen.
Der poetische Kommentar steht aktuell im Spielraum zwischen der Freiheit des Christenmenschen und dem im Schatten der Zeit gewachsenen Dickicht der Traditionen römisch-vatikanischer Personalpolitik.

spruch des briefträgers
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jeder bekommt von mir
was ihm zusteht.
kein bisschen mehr.

was ihm zusteht bestimme nicht ich.
was einem zusteht, bestimmen
die anderen.
doch was einem zusteht

bekommt er oder sie von diesem
aber durch mich. ich stelle briefe zu.

die zustellung geschieht ohne rücksicht auf
inhalt und form. was gegeben
werden will bestimme nicht ich.

was gegeben werden will
bestimmen die anderen. inklusive das
was zwischen, über, unter oder
hinter den zeilen steht oder stehen kann
oder soll

das alles
sagt der briefträger, geht mich nichts an.
das habe nicht ich zu bestimmen oder bestimmt.
das haben andere bestimmt.
meine zuneigung
endet am briefkasten. manchmal nur, schimmert ein gedanke
von unglück für jene, die ein postfach haben.
sie können nicht warten
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aus: Walter L. Buder, dich. gedichte. Hard (Hecht-Verlag) 2017.

hüten

 picasso_mann+schaf_vallauris

hüten

in zaunloser weite
wie ausgesetzt aber nicht rastlos
im horizont der schöpfung
boden gewinnen

schreitend im takt zeitloser unrast
wie wankend aber nicht ruhelos
im lichtkreis des stabes
seelen nähren

und bergen. und schützen. und sorgen.
neugeborene im unterholz, verstecktes leben
retten und heilen, vielleicht.
immer aber
gefährlich entschieden
und

einfach sein
den träumen ein auge
den leiden ein herz
den mächten ein widerfahrnis
das feld zu behalten, widerstehen.

und hüten. das offene
geheimnis
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walter l. buder (20110728)

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Foto: 06 – VALLAURIS.

L’Homme au Mouton. Picasso.

Zeitlebens

Biuschofundich_2ISKENDERUN. 21. Jänner 2013. Das alte Alexandrette, eine Gründung Alexanders des Grossen, ja der: „drei-drei-drei bei Issos grosse Keilerei“ – in gleichen Jahr 333 v. Chr., gleich nach der Schlacht sozusagen. Ein paar Jahre und einige Schlachten später kamen wir, die Friedensradler im Jahr 2009, am 10. Mai, ein Tag voller Sonnenschein und Wärme und kein Schlachtenlärm weit und breit. Aber – ob Frieden war?  Den Iskenderun-Kebap hatte ich in Istanbul kennen und schätzen gelernt. Wie Bischof Luigi Padovese (im Bild rechts), der uns an jenem Maitag erwartete. Der Duft von frischem Espresso und die ruhige Gelassenheit des Bischofs im weiten, schattigen Innenhof des schönen Anwesens, gleich bei seiner Kirche – so etwa könnte Frieden sich anfühlen, wenn er in der Liebe Gottes wurzelt und mit Vergebung einhergeht. Denn: Don Luigi Santoro, ein priesterlicher Mitarbeiter des Bischofs ist am 5. Februar 2006 in Trabzon (türkische Stadt am Schwarzen Meer) während er in der Kirche betete, von hinten erschossen worden. Der Bischof richtete daraufhin in seinem Haus das „Instituto per il dialogo religosa Don Andrea Santoro“ ein und veranstaltete jedes Jahr interreligiöse Tagungen, Gespräche und Dialoge mit Wissenschaftlern aller Glaubensrichtungen. Mit Bischof Liugi fanden wir Herzensgüte gepaart mit Intellekt und biblisch inspiriertem Glauben an Christus. Wir – die Friedensradler – waren längst wieder zu Hause. Da traf es mich wie eine Keule: „Unser“ bischöflicher Freund war am 3. Juni 2010 von seinem Chauffeur, der in einem Vertrauensverhältnis zu ihm stand, in seinem Auto mit einem Messer erstochen. Bisschen viel auf einmal für eine sehr alte, türkische Stadt am Mittelmeer. Aber es ist altes Glaubensland, ein Wetterwinkel der Religion, das alte Land der Bekenner und Glaubenszeugen, immer schon und wenn du Barbara, Margarethe, Kosmos oder Damian, Bonifatius oder Blasius heißt, bist du nicht nur dabei sondern mittendrin. Wie die deutschen Raketenbatterien mit dem sinningen Namen „Patriot“. Sie sind am 21. Jänner 2013 im Hafen von Iskenderun an Land gefahren. Syrien ist nicht mehr weit. Dort ist schon (viel zu) lange Krieg, Mord und Totschlag und unendliches Leid, von den Flüchtlingen gar nicht zu reden. Iskenderun ist nicht nur einer der größten MIttelmeerhäfen sondern ein ebenso wichtiger amerikanischer Luftwaffenstützpunkt – ok, hi patriots! – Herr Oberst Marcus Ellermann, der den NATO-Einsatz der Raketenungeütme an der syrisch-türischen Grenze begleitet, sprach von einem „Signal der Abschreckung“. Nun, hatten wir nicht gerade diese Abschreckungssache hinter uns gelassen, uns gefreut, dass es nun vorbei sein könnte. Nichts da, Freude ist nicht so sehr gefragt bei der Abschreckung. Also:  Ich war mit dem Fahrrad in Iskenderun, mit Freunden, und wir haben ihn, das göttliche Geschenk erahnt, so – wie es in der Bibel heißt – den Frieden, wie ihn die Welt zwar nicht GEBEN – aber ERAHNEN – lassen kann. Aber die Panzer rasseln durch meinen Kopf, und die Raketen stechen in den syrisch-türkischen Himmel, der ihrer grad wie auch meiner ist, und im Traum gründe ich interreligiöse Friedensinstitute, in denen es nach echt italienischem Espresso duftet, zubereitet von grauhaarigen, fröhlichen Nonnen.