im aufbruch bleiben

Werner Ertel voller Freude auf der syrischen Autobahn
Werner Ertel voller Freude auf der syrischen Autobahn

Am Ostermontag vor vier Jahren (13. April 2009) nahm die Friedensradfahrt 2009 von Wien nach Jerusalem ihren Anfang . Geboren wurde sie im Herzen von Werner Ertel. Er hat im Juli 2011 das Zeitliche gesegnet. Werner Ertel war ein Jünger des Franziskus von Assisi und mit einem geradezu kindlichen Vertrauen begnadet. Bruder Tod hat ihn vom Fahrrad geholt. Armut, Gerechtigkeit und Frieden vor allem, das waren die Schätze seines Lebens. Das Leiden der Palästinenser/innen berührte den Journalisten. Juden, Muslime und Christen, Friedensfreunde/innen aller Richtungen und Denkweisen begann er um sich zu versammeln, in der Absicht, dem Friedenswillen Gestalt zu geben und ihn als Botschaft nach Jerusalem zu tragen. Eigentlich: zu fahren, mit dem Fahrrad nämlich! Übrig blieben schließlich ein paar Kirchenchristen, einige Getaufte und Frauen und Männer guten Willens – ein/e jede/r auf seine Weise dem Frieden zugetan. Das Fahrrad als Mittel der Fortbewegung war zu keinem Augenblick in Frage gestellt, manch anderes ziemlich heftig. Soviel ich weiss und gehört habe, denn ich gehörte zu den Letzten, die sich entschlossen hatten, die Reise nach Jerusalem zu unternehmen.

Damals war schönes Wetter. Wir starteten bei Sonnenschein. Ein paar Pressleute waren da, ein paar Zuschauer/innen, ein paar Familienmitglieder und/oder Freunde der Friedensradfahrer/innen waren da.

Du kennst das vielleicht auch. Dein Herz ist unruhig. Und es dauert, bis du bereit bist, das zu erkennen. Es dir einzugestehen. Im Stillen, nur für Dich, wie eine Liebe. Du hast viele Tage hinter dir und hast – immer noch – eine Ahnung davon. Ein Ahnung ist ein Wissen in Gestalt des Möglichen. Sie schlummert in den unbekannten Tiefen einer Menschenseele, zeitlos, wie ein Kind in der Wiege. Eine Gewissheit noch weit vor der Erkenntnis und tausendmal sicherer als diese.
Du brauchst keinen, der dir das erklärt. Du brauchst Vertrauen. Diese unsichtbare Brücke über den tobenden Wassern. Im freien Handeln nicht erhältlich. Ohne Wert, beim Erwerb unter der Hand. Nicht käuflich, wenn es denn – auch echte – Ware wäre. Unbeweisbar. Das Fundament der Welt. Unzerstörbar. Schmerzempfindlich. Der Dünger für die keimende Wahrheit.

Das Grab ist leer. Der Stein ist weggerollt. Immer bist du der/die Erste dort. Dein Glück ist, jemanden zu haben, dem du das sagen kannst. Wenn du überhaupt Worte findet. Was du gesehen hast, gehört und was eben nicht. Auf dem Rathausplatz habe ich Maria Magdalena kennengelernt. Und diese irre Geschichte mit dem leeren Grab und der nackten Wahrheit mit dem weggerollten Stein. Alles ist offengelegt. Es gibt keine Geheimnisse mehr. Der Vorhang ist zerrissen. Der Blick ist frei. Ist das der Ausgangspunkt meiner Lebensreise? Endlich angekommen am Anfang? Nach so vielen Kilo- und Höhenmetern. Den unzähligen Begegnungen, den wunderbaren vergessenen und den schrecklichen, die einem in die Seele geschrieben bleiben, unvergessbar. Den Repetitionen des Confiteor und des Sursum Corda?

Dann gab Werner das Zeichen. Er klingelte mit seiner Fahrradglocke. Unbekannte Menschen lächelten mir zu. Die Fahrradklingeln der anderen kamen dazu. Man rief sich freundliche Worte zu. Es ging stadtauswärts. Zügig. Abends waren wir in Sopron. Gut gegangen. Ich hatte Mühe, den Aufbruch zu bewahren. Zu sein und zu werden im selben Augenblick. Ankommen im Aufbruch und bleiben._

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Josef Mann, Nie wieder Jerusalem?
3.712 Kilometer für den Frieden unterwegs. Klappenbroschur, 320 Seiten, 64 Farbfotos, 1 Landkarte; 21,5 x 13,5 cm, 460 g; ISBN: 978-3-200-02125-9. Erscheinungsdatum: 02. 2011, 2. Auflage: 10. 2011; EUR 19,80 (A)/19,30 (D)/CHF 35,00

Dieter Zumpfe,
Ins Meer der Freiheit. Nach Jerusalem – Radpilgern für den Frieden. Hohenems-Wien (Bucher) 2011. Bestellen.

spuren

ND de la Garde (Glockentürmchen)
ND de la Garde (Glockentürmchen)

Leider. La Ciotat hat mehrere Gotteshäuser aber keines steht unter der Patronanz des Poverello oder des Hl. Ignatius. Und für Papst Franz(iskus) ist es irgendwie noch zu früh, um in die Patronanzklasse einzusteigen. In diesen Tagen ist man ja irgendwie sensibilisiert für Franziskanisches, Jesuitisches, und – ja, meinetwegen – auch Pontifikales! In diesem Sinne wäre ich dann natürlich am vergangenen Sonntag gerne in eine Franziskus-Kirche gegangen oder in die Jesuitenkapelle – aus reiner Neugier, ob die römisch-franziskanisch-jesuitischen Begeisterungswellen bis in die Bucht von La Ciotat getragen haben.

Pfarrkirche ND de l'Assomption
Pfarrkirche ND de l’Assomption

Wie die Dinge liegen, dachte ich, haben sich die Christenmenschen in diesem Ort – patronanzmässig gesehen – auf die sichere Seite geschlagen. Notre-Dame ist mehrfach präsent. Eine ziemlich starke Verbindung zum jesuitischen Papst und Priester. Der Hl. Josef hat eine Kapelle (auch nicht unwichtig für den Papst), die Heilige Anna ist präsent mit einer Kapelle. Das römische Partner-Gotteshaus unter derselben Patronanz hatte ja den Bischof von Rom erst gestern zu Besuch, und den ganzen Reporter/innen-Pulk auch.  Der Hl. Jakobus leiht seinem Namen (einem alten) Hospital und auch hier gibt es neopontifikale Bezüge: Franziskus ist uns auch als Pilger vorgestellt worden, jedenfalls auf der Titelseite der PROVENCE (ist eine der Tageszeitungen hier).  Während in St. Anne nur im Sommer Gottesdienste stattfinden, weil es im Winter zu kalt ist, ist in der mächtige Pfarrkirche am Vieux-Port ziemlich Betrieb. Die Kirche ist Maria gewidmet,  in der Variante: Notre-Dame-de-L’Assomption. Ein dominantes Bauwerk, eher klobig, kaum Spuren von Eleganz, bis auf die grosse, breite Stiege, die in vielen Stufen zum Haupteingang hinauf führt. Mit dem alten Rathausturm komplettiert und prägt die Pfarrkirche die Shilouette des alten Hafenstädtchens La Ciotat.

Chapelle St. Jean
Chapelle St. Jean

„Extra muros“ sozusagen – vom gewachsenen Zentrum des Vieux-Port her gesehen – gibt es noch die Quartiers St. Marguerite und St. Jean. Der Lieblingsjünger Jesu gab nicht nur dem Viertel seinen Namen –  ,auch der Kindergarten, die Schule, die Epicerie, der Friseur und die Weinhandlung – alles ist St. Jean gewidmet. Auch das Gotteshaus, eingezwängt zwischen dem Fischhändler und dem Lebensmittelladen und kaum als solches erkenntlich. Das Gebäude ist ohne jeden Reiz, hat kein Profil, ist kaum wahrnehmbar und wenn man davor steht fragt man sich unweigerlich wo der Eingang ist. Und ist man im Inneren angelangt, haut es dich auch nicht von den Socken. Aber nach fünf Sonntagen als Gottesdienstgast,  weiss ich nicht nur das der Raum bei einer Besetzung mit etwa 180 Menschen aus allen Nähten platzt – und: Dass diese Gemeinde, die Leute, die betenden und hustenden und singenden und plappernd, vor sich hin spielenden und denkenden, grossen und kleinen Menschen, zwischen abgestellten Kinderwägen und Gehstöcken, alles, aber wirklich alles, was dem Gebäude fehlt, im Überfluss haben. Eingezwängt zwischen einer extrem parfümierten, freundlichen alten Dame und einem jungen Glatzkopf mit Lederjacke auf der Bank an der hinteren Wand gehen mit zwei Gedanken durch den Sinn. „Er muss zunehmen“ – der ewig lange Finger des Lieblingsjüngers auf dem Isenheimer Altar zeigt auf den gequälten, gekreuzigten Christus – „und ich muss abnehmen“ – nicht nur weil Fastenzeit ist; und dann höre ich Franziskus sagen: „Christus ist der Hirt der Kirche, nicht der Papst“  und den „Absager“ eines Reporters bei der Direktübertragung der Vorstellung des neuen Papstes: „C’est l’eglise, que fait le pape; ce n’est pas le pape, qui fair l’eglise.“ (Die Kirche macht den Papst, nicht der Papst die Kirche).

Chapelle des Minimes (Temple protestante)
Chapelle des Minimes (Temple protestante)I

In der Welt von La Ciotat, dachte ich, keine Spur von Franz. Aber ich hatte mich getäuscht. Denn es gibt in La Ciotat auch eine armenisch-christliche Gemeinde und – neben einer Reihe von evangelikalen Gemeinschaften auch eine lutherisch-reformierte Gemeinde. Deren Gottesdienste finden in der „Chapelle des Minimes“ statt, in der „Minoritenkapelle“. Unter dem Deckmantel der Ökumene also doch noch und wieder: Der Poverello in den Spuren seines Werkes. Der ‚Ordre de Minimes“ ist im 16. Jahrundert groß geworden und ist nach La Ciotat „eingekauft“ worden, sozusagen: 120.000 Livres (Pfund) – ein hübsches Sümmchen, wenn man gänzlich ungenau annimmt, dass 1 Livre für etwa fünf bis zehn Euro stehen könnte –  hat es sich Antoine Martin kosten lassen, die Minoriten-Brüder in seine Stadt zu holen, wobei sein Sohn ja bei ihnen eingetreten war. Alles in allem: Unerhörter Reichtum an franziskanischen Spuren. Es ist leicht, die Brücke zum aktuellen Pontifex zu schlagen und zu seinen Überzeugungen, jenen wenigstens, die er uns inzwischen bekannt gemacht hat. Der aktuelle Verwendungszweck der „Chapelle“ als öffentliche Begegnungsstätte für die laizistischen Ciotadens in friedlichen Miteinander mit der gläubigen, lutherisch-reformierten Gemeinde – das ist doch schon etwas.

IMG_6524 - Arbeitskopie 2Aber es gibt noch ein bisschen Mehr.  „Notre-Dame-de-Bon-Voyage“ (ULF zur guten Fahrt) oder „Notre-Dame-de-Bon-Secours“ (ULF zur guten Hilfe) prangt in großen blauen Buchstaben auf dem thalassotherapeutischen Rehabilitationszentrum. Vis-á-vis, an der Strasse am Meeresufer, sei – berichten die Archive – „seit unausdenklichen Zeiten“  eine Schutzheiligtum gewesen, dann kam ein Einsiedler, dann eine Kapelle und später, im 16. Jahrhundert, sind fünf italienische Bettelmönche und sieben Brüder – wegen ihrer Kleidung als „Kapuziner“ (Capucin) bezeichnet, gekommen und bis 1790 geblieben. Wohltätige, soziale und geistliche Dienste der Nachfolger des Assisi-Heiligen, seien – das ist ausdrücklich festgehalten in den Archiven – von der Bevölkerung zu jeder Zeit hoch geschätzt worden. –  Voilà!

anti klerikal

Papst Franziskus in der Straßenbahn.
Papst Franziskus in der Straßenbahn.

Ein neuer Papst. Franziskus I. Nein. Franziskus. Einfach Franziskus. Die Reporter setzten, ungefragt und ungebeten das „I.“ hinzu. Das war falsch. Einfach Franziskus. Das ist richtig. Das genügt. So ist es gemeint. Keine barocken, imperialen Anklänge an einen Klerikalismus à la Renaissance. Keine pelzverbrämten Mützen und lächerliche Kleidertraditionen. Weniger, ziemlich viel weniger davon, wäre – fraglos (!) – sehr viel mehr.

Gestern Abend ist der bescheid wirkende Mann in der weissen Soutane mit dem ein wenig zu weit geratenen Priesterkragen auf der rot ausgekleideten Loggia gestanden. Ein bisschen wie das Schneeglöckchen, das Ende Februar den Frühling verheißt. Ich dachte an Albino Luciano, an Johannes Paul I. Wer weiss warum? Tags darauf kursierte ein Foto von Jorge Mario Bergoglio, wie er mit einer Aktentasche auf den Knien, in einem Bus oder einer Strassenbahn sitzt, im schwarzen Anzug des Priesters mit dem Koller (Tipp-Ex!) – und beim genauen Hinsehen war auch sein Bischofsring wahrnehmbar. Ich habe vorgeschlagen, dieses Bild als offizielles  „Papstfoto“ zu nehmen. Es anzusehen, war wie eine Erholung, es tat wohl, einen Menschen in seiner Wirklichkeit zu erkennen, ernst und ein wenig müde auch, neben einer Frau, die sich darüber gar nicht wundert. Wenn das der Papst wäre …
Keine Frage: Wir brauchen die Kirche – die Gläubigen sowieso und alle jene, die „guten Willens“ sind, spüren das, haben eine Ahnung davon. Mehr noch: Wir wollen sie auch, die Kirche. Aber – so wird es wohl sein – je mehr wir sie brauchen und wollen – so sehr braucht sie – die Kirche – unsere Wachsamkeit, unsere kritische Aufmerksamkeit. Das ist die Stütze, wie wir ihr schuldig sind. (Nebenbei eine vitale Szene aus dem kirchlichen Engagement des Poverello.) Unsere kritische Zuwendung ist das vitale Gegengewicht zum institutionsverliebten Klerikalismus. Seine Zeichen und Signale verdecken und verkappen, verbrämen und verderben, verfälschen und verstimmen die „Kirche als Zeichen und Werkzeug“. Der Name des Heiligen Franziskus – wenn es denn der Poverello aus Assisi ist (?), den sich der neue Papst für sein Pontifikat (das, Benedikt hab‘ Dank, jetzt ja durchaus als ein Engagement auf Zeit betrachtet werden darf) als Patron erwählt hat – steht in wichtigen Teilen auch dafür.
Abbé Pierre (1912 – 2007), der unvergleichliche französische Lumpensammlerpfarrer, erzählt, dass ihm Henri de Lubac (1896 – 1991), der Jesuitenkardinal, Theologe, Vorrreiter des 2. Vatikanums, bei seiner Priesterweihe in einer Kirche nahe bei Lyon, im Vorbeigehen zugemurmelt habe: „Morgen, wenn Sie auf den Steinplatten ihrer Kapelle stehen und man ihnen zuhört, sprechen Sie nur dieses eine Gebet zum Heiligen Geist: Bitten Sie, dass Er Ihnen den Antiklerikalismus der Heiligen gewährt.“