friedens taube

Ich möchte sie fliegen sehen. Immer und immer wieder. Es war ein verregneter Sonntag im April 2013 im südfranzösischen Aubagne, wo die Fremdenlegion zu Hause ist. In der „Chapelle des Pénitents Noir“ waren Pablo Picassos Keramiken zu mediterranen Themen ausgestellt. Wunderbar. Vor den Ausgang hatte man einen Museumshop installiert. Dort lag – auf feinem Büttenpapier reproduziert – eine der „Colombe bleu“ – der „blauen Tauben“, die Pablo Picasso am 28. Dezember 1961 gezeichnet hat. Da war dieses unsagbare Schweben in der Zeichnung, eine erlöste Leichtigkeit, eine bläuliche Ahnung vom radikalen Sinn der Schwerkraft, vernehmbar im im Glauben an die Möglichkeit ihrer Überwindung. Der Wunsch, sie fliegen zu sehen, war im ersten Anblick geboren worden …
So wie Noah sie Taube fliegen sah, über eine Welt, bedeckt von Streit, Gewalt und Krieg. Ich stelle mir vor, wie er den Vogel auf seine Hand setzt, dem Tier mit einem Finger der anderen Hand über das Gefieder streicht und es mit einer leisen Bewegung in die Luft setzt. Er sieht sie am Horizont verschwinden und wartet – bis er sie wieder am Himmel entdeckt, mit diesem Zweig im Schnabel. Der Zweig, das war das Zeichen – dass es Hoffnung gibt in all dem Elend. Aber auch, dass die Hoffnung die Gewalt überdauert und ihr, der Gewalt, vorzuziehen ist, wie Stéphane Hessel von Sartre und Baudelaire lernend, schreibt, die alle – ein jeder von ihnen – wie einst Noah, die Taube fliegen sahen, ausgesandt und wiederkehrend …
Hoffnung und Gewaltlosigkeit sind die Wege, die einzuschlagen sind. Sie beschreiben die Flugbahn der Taube mit dem Olivenzweig im Schnabel. Die Zurückweisung der Gewalt ist möglich. Das befreit einer Hoffnung gegen alles Hoffen. Der Gedanke an das unsägliche Elend in Syrien wäre unerträglich, hätten die Menschen dort aufgehört zu hoffen, die Rückkehr der Taube zu erwarten und den Olivenzweig in ihrem Schnabel zu sehen? Der französisch-saudiarabisch-libanesische Waffen-Milliarden-Deal gibt Geist und Vernunft, intelligenter Politik und visionärer Hoffnung – den Rest! Wer Waffen für 3 Milliarden Dollar in ein Meer von Krieg wirft, verursacht nicht nur eine Riesenwelle von Tod und Verderben sondern beweist in der Tat, dass internationale Politik und Ökonomie – unter der selbstgestrickten Marketing-Tarnkappe der globalisierten Gleichgültigkeit und ganz offenbar durch und durch korrumpiert von einem (national)egostischen Maximierungsdenken – rücksichtslos und breit sind, allem und jedem Gewalt anzutun.
So ist es gut, die Augen offen zu halten, den Blick zu schärfen und von Zeit zu Zeit in den Himmel zu schauen und hoffen, immerzu hoffen – bestärkt durch alte (Noah, Jesus etc.) und neue (Ghandi, Goss, King) Geschichten, die erzählen, dass Gewalt kein Mittel gegen Gewalt ist; die uns helfen zu verstehen, dass es kein besseres Mittel gegen die Gewalt gibt als eben die Gewaltlosigkeit.

rüstung tötet

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„Hemmungslose Politik der Rüstungsexporte“ Unter diesem Titel erscheint im Vorarlberger KirchenBlatt (Nr. 1 vom 2. Jänner 2014) ein Interview mit dem deutschen Friedensaktivisten und Rüstungskritiker Jürgen Grässlin. Susanne Huber (Kooperationsredaktion der Kirchenzeitungen) hat mit ihm über die Tragweite seiner jüngsten Publikation: „Schwarzbuch: Waffenhandel“ gesprochen. Den „Opfern eine Stimme geben“ und den „Tätern Namen und Gesicht“ – das ist der Antrieb, der hinter Jürgen Grässlins Arbeit steckt. Es ist zu seiner „Lebensaufgabe“ geworden, über Waffenproduktion aufzu- klären und „Rüstungsexporte völlig enthemmter Art“ aufzudecken – in Vorträgen, bei Lesungen, in seinen zahlreichen Sachbüchern. Sein neuestes Werk heißt „Schwarzbuch Waffenhandel“. Der Rüstungsexperte, Pädagoge und Autor recherchiert seit 30 Jahren intensiv auf diesem Gebiet.

Der auszugsweise Abdruck des Interviews geschieht hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion des Vorarlberger KirchenBlattes.

Welche Länder zählen zu den größten Waffenexporteuren der Welt?
Jürgen Grässlin: Mit großem Abstand die USA und Russland, danach kommt auf Platz drei Deutschland, gefolgt von Frankreich, Großbritannien und China. Das Makabre daran ist, dass fünf dieser Nationen, ausgenommen Deutschland, ständige Mitglieder im UN-Sicherheitsrat sind und den Weltfrieden durch- setzen und sichern wollen. Zugleich schicken sie aber als größte Rüstungsexportmächte Waffen in Krisen- und Kriegsgebiete wie Su- dan, Somalia, Afghanistan oder Irak. Hinterher schickt man Blauhelmsoldaten in Friedensmission auf die Kriegsschauplätze der Welt, die dort die zuvor herangeschafften Waffen wieder einsammeln. Es zeigt, wie absurd die Lage auf dem Globus ist und wie bedenklich, denn wir haben keine Alternative zu den Vereinten Nationen.

Höre ich da Kritik an den Vereinten Nationen?
Jürgen Grässlin: Die Vereinten Nationen müssten in vielerlei Hinsicht reformiert werden – strukturell, aber auch politisch, wenn sie es mit ihrem Friedensauftrag ernst meinen wür- den. Alle fünf Mitglieder im UN-Sicherheitsrat – und Deutschland als drittgrößter Waffenexporteur natürlich auch – gießen Öl ins Feuer der Kriege und Bürgerkriege. Diese Staaten müssten endlich ernst gemeinte Friedenspolitik betreiben. Dazu gehört ein Stopp des Waffenhandels. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Welche Staaten sind Hauptabnehmer von Waffen?
Jürgen Grässlin:
Im Moment sind es Indien und Pakistan. Gerade miteinander verfeindete Staaten werden immer wieder mit deutschen Kriegswaffen beliefert. Dazu zählen neben Pakistan und Indien auch die Türkei und Griechenland, die vielfach die gleichen Kampfpanzer erhalten; dazu zählen Israel, Ägypten und der weltweit zweitgrößte Christenverfolgungsstaat Saudi-Arabien, die in der Regel die gleichen Kriegsschiffe erhalten. Hier zeigt sich die Hemmungslosigkeit einer Rüstungsexportpolitik, die sich nach drei Kriterien richtet: Profit, Profit, Profit.

Schwarzbuch Waffenhandel von Juergen GraesslinDie Menschenrechte, Moral und Ethik scheinen da keine Rolle zu spielen …
Jürgen Grässlin:
Auf dem Papier schon. In Deutschland wurden im Jahr 2000 politische Grundsätze zum Waffenexport verabschiedet, die ausschließen, dass Deutschland menschenrechtsverletzende Staaten mit Kriegswaffen beliefert. Aber diese Grundsätze sind rechtlich nicht verbindlich. So kann sich die BRD auf der einen Seite immer wieder brüsten, ein Staat zu sein, der auf Ethik und Moral, auf Frieden und Freiheit, auf die Wahrung von Menschenrechten sehr viel Wert legt. Jedoch auf der anderen Seite trifft der geheim tagende Bundessicherheitsrat unter Führung der Kanzlerin Merkel Entscheidungen über brisante Rüstungsexporte und bestückt zuhauf selbst die schlimmsten Diktaturen der Welt mit Waffen. Das tut übrigens auch Österreich. Auf welchem Platz steht Österreich im Hinblick auf Waffenexporte? Jürgen Grässlin: Österreich ist im Moment der fünfundzwanziggrößte Rüstungsexporteur der Welt und hat z. B. mit Steyr-Mannlicher einen großen Schusswaffenhersteller. In einer Untersuchung von amnesty international von 2005 bis 2009 wurde angeprangert, dass Österreich neben Italien das einzige Land war, das Waffen, Munition und Ausrüstung an Syrien genehmigte. Zudem hat Österreich im benannten Zeitraum Panzerfahrzeuge an den Jemen geliefert und Kleinwaffen und Glattrohrkanonen an Bahrain. Das sind alles massiv menschenrechtsverletzende Staaten. Aus meiner Sicht ist das schwer nachvollziehbar, denn Österreich ist ja begrüssenswerterweise ein neutrales Land. Aber wer Waffen in Krisen- und Kriegsgebiete liefert, macht sich mitschuldig an Massenmorden, die damit verübt werden. (…)

Zum Foto (oben):
Jürgen Grässlin (re), Träger des Aachener Friedenspreises 2011, prangerte im Rahmen des Bodenseefriedensweges 2011 vor dem Verwaltungsgebäude der MTU (Friedrichshafen) deren Geschäfte mit Motoren auch für Panzer und Kriegsschiffe an. (Foto: WB)

Literaturhinweis:
Jürgen Grässlin, „Schwarzbuch Waffenhandel. Wie Deutschland am Krieg verdient“, Heyne Verlag 2013. Euro 15,50. 

Auszug aus dem Interview des Vorarlberger KirchenBlattes (Susanne Huber) mit Jürgen Grässlin: „Hemmungslose Politik der Rüstungsexporte“  (mit freundlicher Genehmigung der Redaktion)

politisch, heilig, genial

381px-Bundesarchiv_Bild_183-19000-2453,_Robert_SchumanAm 4. September waren es 50 Jahre, dass Robert Schumann in Scy-Chazelle (Mosel)  das Zeitliche gesegnet hat. Als Johann-Baptist Nikolaus Robert Schuman ist er am 29. Juni 1886 in Clausen (heute ein Stadtteil von Luxemburg) geboren und getauft (katholisch) worden. Ein „geborener Europäer“ und darin uneinholbar originell: Luxemburger, Deutscher, Franzose im Wandel der Geschichte, zu jeder Zeit und in jeder Hinsicht und durch und durch. Im Leben dieses Mannes gibt es nichts Aufgesetztes. Am 9. Mai 1950 in seiner Rolle als Aussenminister Frankreichs (zwischen 1948 und 1952 in 8 Kabinetten) schlug seine Stunde synchron mit dem „Kairos“ für Europa. Sein politischer Geniestreich legt die Spur für ein Europa des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit: Versöhnung als politisches Konzept. Im Wesentlichen definiert durch die Verweigerung der Weiterführung einer Logik des Krieges und der entschiedenen, aktiven Akzeptanz einer „Logik des Friedens“. Ein politischer Heiliger gar? 

Die Schumann-Erklärung schlägt „die Schaffung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EKGS)“ vor, einer Wirtschaftsgemeinschaft also, deren Sinn und Zweck gar nicht so sehr mit Kapital und Profit verknüpft ist wie das heutige Europa uns glauben machen will, sondern eben darin: „Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.“ Robert Schumans Rede ist kurz und „knackig“. Auch nach den vielen Jahren hat der Text nichts an seiner aufrichtigen Direktheit verloren mit der der französische „Sieger“ sich dem deutschen „Verlierer“ auf Augenhöhe begegnet. Versöhnung und Miteinander im Tun (Wirtschaften) bringen Frieden, das kostbare Gut in den zerbrechlichen Gefässen. Und es ist keine Zeit zu verlieren  – „jetzt“ ist es Zeit. Schuman drängt SOFORT zur TAT zu schreiten – und das nicht im Allgemeinen sondern „in einem begrenzten, doch entscheidenden Punkt“, nämlich zentrale wirtschaftliche Potentiale der Länder ZUSAMMEN zu legen. Schumans Erklärung hat profetische Züge.

Europa soll aussteigen aus der Logik des Krieges und bewusst und entschieden einsteigen in die Logik des Friedens: Abwenden vom tradierten „divide et impera“ der nationalen (und persönlichen) Egoismen und hinwenden zu einer „solidarischen“ Produktionsgemeinschaft. Im Spiegel dieses Textes sieht man deutlich die „Brüsseler Zwerge“ wie sie auf den Schultern der Riesen ihre Spielchen treiben und je tiefer die Sonne steht umso länger werden ihre Schatten. Schuman hatte keinen „Zwergenfrieden“ im Auge sondern ein Europa, dessen „eine Solidarität der Tat“ für die ganze Welt – modellhaft und in aller Freiheit – anbietet.

Das Diözesanverfahren für die Seligsprechung Robert Schumans wurde am 29. Mai 2004 abgeschlossen und an Rom übergeben. Zu seiner Zeit als Aussenminister begegnete er auch dem damaligen Nuntius in Paris, Angelo Roncalli: „Er ist der einzige Mann in Paris, in dessen Gesellschaft man die physische Empfindung von Frieden hat.“ (1) bemerkte Schuman. Dieses „Gespür“ weist hin auf die „Spiritualität“ dieses Mannes. Seine zölibatäre Lebensweise aber auch andere, wesentlichere Charakterzüge seiner Person, lassen die charismatische Gestalt eines katholischen Laien mit viel Zukunftspotential erkennen.

Der zu Beginn seines Lebens getaufte Katholik Robert Schuman und die bis in ihre Todesstunde ungetaufte Simone Weil (1909-1943) sind sich nie begegnet. Aber sie teilten die Begabung des Gespürs für den „Kairos“, für die Bedeutung der Stunde, der Zeit, in der Welten aus den Angeln gehoben und Neuanfänge an den Tag kommen. Schuman scheint mir – unter zahlreichen anderen – auch einer von der Sorte zu sein, die – zur meist verkannten und häufig mißbräuchlich auf (die) Kirche(n) reduzierte  – „unerhörten Größe des Christentums beitragen, die daher kommt, dass es nicht ein übernatürliches Heilmittel gegen das Leid sucht, sondern eine übernatürliche Verwendung des Leids.“ Mit scheint, das Schuman gegeben war, was Simone Weil zeitlebens Schmerz bereitete: „Das Höchste ist nicht, das Höchste zu verstehen, sondern es zu tun. Die Welt braucht Heilige mit Genie.“ (2) So könnte es sein.

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Foto: wikicommons (bundesarchiv.de)
(1) zit. nach A.Kirchmayer, Johannes XXIII. – ein Papst mit christlicher Spiritualität und Humor. In: H. Kohlmaier, Gedanken zur Zeit. Nr. 75 vom 14. Jänner 2013, S.6.
(2) zit. nach Michael Schneider, Wegmarken

im aufbruch bleiben

Werner Ertel voller Freude auf der syrischen Autobahn
Werner Ertel voller Freude auf der syrischen Autobahn

Am Ostermontag vor vier Jahren (13. April 2009) nahm die Friedensradfahrt 2009 von Wien nach Jerusalem ihren Anfang . Geboren wurde sie im Herzen von Werner Ertel. Er hat im Juli 2011 das Zeitliche gesegnet. Werner Ertel war ein Jünger des Franziskus von Assisi und mit einem geradezu kindlichen Vertrauen begnadet. Bruder Tod hat ihn vom Fahrrad geholt. Armut, Gerechtigkeit und Frieden vor allem, das waren die Schätze seines Lebens. Das Leiden der Palästinenser/innen berührte den Journalisten. Juden, Muslime und Christen, Friedensfreunde/innen aller Richtungen und Denkweisen begann er um sich zu versammeln, in der Absicht, dem Friedenswillen Gestalt zu geben und ihn als Botschaft nach Jerusalem zu tragen. Eigentlich: zu fahren, mit dem Fahrrad nämlich! Übrig blieben schließlich ein paar Kirchenchristen, einige Getaufte und Frauen und Männer guten Willens – ein/e jede/r auf seine Weise dem Frieden zugetan. Das Fahrrad als Mittel der Fortbewegung war zu keinem Augenblick in Frage gestellt, manch anderes ziemlich heftig. Soviel ich weiss und gehört habe, denn ich gehörte zu den Letzten, die sich entschlossen hatten, die Reise nach Jerusalem zu unternehmen.

Damals war schönes Wetter. Wir starteten bei Sonnenschein. Ein paar Pressleute waren da, ein paar Zuschauer/innen, ein paar Familienmitglieder und/oder Freunde der Friedensradfahrer/innen waren da.

Du kennst das vielleicht auch. Dein Herz ist unruhig. Und es dauert, bis du bereit bist, das zu erkennen. Es dir einzugestehen. Im Stillen, nur für Dich, wie eine Liebe. Du hast viele Tage hinter dir und hast – immer noch – eine Ahnung davon. Ein Ahnung ist ein Wissen in Gestalt des Möglichen. Sie schlummert in den unbekannten Tiefen einer Menschenseele, zeitlos, wie ein Kind in der Wiege. Eine Gewissheit noch weit vor der Erkenntnis und tausendmal sicherer als diese.
Du brauchst keinen, der dir das erklärt. Du brauchst Vertrauen. Diese unsichtbare Brücke über den tobenden Wassern. Im freien Handeln nicht erhältlich. Ohne Wert, beim Erwerb unter der Hand. Nicht käuflich, wenn es denn – auch echte – Ware wäre. Unbeweisbar. Das Fundament der Welt. Unzerstörbar. Schmerzempfindlich. Der Dünger für die keimende Wahrheit.

Das Grab ist leer. Der Stein ist weggerollt. Immer bist du der/die Erste dort. Dein Glück ist, jemanden zu haben, dem du das sagen kannst. Wenn du überhaupt Worte findet. Was du gesehen hast, gehört und was eben nicht. Auf dem Rathausplatz habe ich Maria Magdalena kennengelernt. Und diese irre Geschichte mit dem leeren Grab und der nackten Wahrheit mit dem weggerollten Stein. Alles ist offengelegt. Es gibt keine Geheimnisse mehr. Der Vorhang ist zerrissen. Der Blick ist frei. Ist das der Ausgangspunkt meiner Lebensreise? Endlich angekommen am Anfang? Nach so vielen Kilo- und Höhenmetern. Den unzähligen Begegnungen, den wunderbaren vergessenen und den schrecklichen, die einem in die Seele geschrieben bleiben, unvergessbar. Den Repetitionen des Confiteor und des Sursum Corda?

Dann gab Werner das Zeichen. Er klingelte mit seiner Fahrradglocke. Unbekannte Menschen lächelten mir zu. Die Fahrradklingeln der anderen kamen dazu. Man rief sich freundliche Worte zu. Es ging stadtauswärts. Zügig. Abends waren wir in Sopron. Gut gegangen. Ich hatte Mühe, den Aufbruch zu bewahren. Zu sein und zu werden im selben Augenblick. Ankommen im Aufbruch und bleiben._

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Josef Mann, Nie wieder Jerusalem?
3.712 Kilometer für den Frieden unterwegs. Klappenbroschur, 320 Seiten, 64 Farbfotos, 1 Landkarte; 21,5 x 13,5 cm, 460 g; ISBN: 978-3-200-02125-9. Erscheinungsdatum: 02. 2011, 2. Auflage: 10. 2011; EUR 19,80 (A)/19,30 (D)/CHF 35,00

Dieter Zumpfe,
Ins Meer der Freiheit. Nach Jerusalem – Radpilgern für den Frieden. Hohenems-Wien (Bucher) 2011. Bestellen.

Zeitlebens

Biuschofundich_2ISKENDERUN. 21. Jänner 2013. Das alte Alexandrette, eine Gründung Alexanders des Grossen, ja der: „drei-drei-drei bei Issos grosse Keilerei“ – in gleichen Jahr 333 v. Chr., gleich nach der Schlacht sozusagen. Ein paar Jahre und einige Schlachten später kamen wir, die Friedensradler im Jahr 2009, am 10. Mai, ein Tag voller Sonnenschein und Wärme und kein Schlachtenlärm weit und breit. Aber – ob Frieden war?  Den Iskenderun-Kebap hatte ich in Istanbul kennen und schätzen gelernt. Wie Bischof Luigi Padovese (im Bild rechts), der uns an jenem Maitag erwartete. Der Duft von frischem Espresso und die ruhige Gelassenheit des Bischofs im weiten, schattigen Innenhof des schönen Anwesens, gleich bei seiner Kirche – so etwa könnte Frieden sich anfühlen, wenn er in der Liebe Gottes wurzelt und mit Vergebung einhergeht. Denn: Don Luigi Santoro, ein priesterlicher Mitarbeiter des Bischofs ist am 5. Februar 2006 in Trabzon (türkische Stadt am Schwarzen Meer) während er in der Kirche betete, von hinten erschossen worden. Der Bischof richtete daraufhin in seinem Haus das „Instituto per il dialogo religosa Don Andrea Santoro“ ein und veranstaltete jedes Jahr interreligiöse Tagungen, Gespräche und Dialoge mit Wissenschaftlern aller Glaubensrichtungen. Mit Bischof Liugi fanden wir Herzensgüte gepaart mit Intellekt und biblisch inspiriertem Glauben an Christus. Wir – die Friedensradler – waren längst wieder zu Hause. Da traf es mich wie eine Keule: „Unser“ bischöflicher Freund war am 3. Juni 2010 von seinem Chauffeur, der in einem Vertrauensverhältnis zu ihm stand, in seinem Auto mit einem Messer erstochen. Bisschen viel auf einmal für eine sehr alte, türkische Stadt am Mittelmeer. Aber es ist altes Glaubensland, ein Wetterwinkel der Religion, das alte Land der Bekenner und Glaubenszeugen, immer schon und wenn du Barbara, Margarethe, Kosmos oder Damian, Bonifatius oder Blasius heißt, bist du nicht nur dabei sondern mittendrin. Wie die deutschen Raketenbatterien mit dem sinningen Namen „Patriot“. Sie sind am 21. Jänner 2013 im Hafen von Iskenderun an Land gefahren. Syrien ist nicht mehr weit. Dort ist schon (viel zu) lange Krieg, Mord und Totschlag und unendliches Leid, von den Flüchtlingen gar nicht zu reden. Iskenderun ist nicht nur einer der größten MIttelmeerhäfen sondern ein ebenso wichtiger amerikanischer Luftwaffenstützpunkt – ok, hi patriots! – Herr Oberst Marcus Ellermann, der den NATO-Einsatz der Raketenungeütme an der syrisch-türischen Grenze begleitet, sprach von einem „Signal der Abschreckung“. Nun, hatten wir nicht gerade diese Abschreckungssache hinter uns gelassen, uns gefreut, dass es nun vorbei sein könnte. Nichts da, Freude ist nicht so sehr gefragt bei der Abschreckung. Also:  Ich war mit dem Fahrrad in Iskenderun, mit Freunden, und wir haben ihn, das göttliche Geschenk erahnt, so – wie es in der Bibel heißt – den Frieden, wie ihn die Welt zwar nicht GEBEN – aber ERAHNEN – lassen kann. Aber die Panzer rasseln durch meinen Kopf, und die Raketen stechen in den syrisch-türkischen Himmel, der ihrer grad wie auch meiner ist, und im Traum gründe ich interreligiöse Friedensinstitute, in denen es nach echt italienischem Espresso duftet, zubereitet von grauhaarigen, fröhlichen Nonnen.