Schweigen für eine Politik der offenen Herzen und Grenzen

Das kommende „Schweigen für Frieden“ auf dem Bregenzer Koregenbogenrnmarkt am Montag, 7. September, 18 Uhr hat ein Motto: „Indem sie schweigen, rufen sie laut“ (Cicero). Es wird gewaltfrei gegen Krieg, Gewalt und Unmenschlichkeit protestiert, den Opfern einer menschenunwürdigen Europa- und Innenpolitik Respekt erwiesen. Die Initiatoren laden ein, ein persönliches Zeichen für eine ‚Politik der offenen Herzen und Grenzen‘ zu setzen. 

Das „Schweigen für Frieden“ auf dem Bregenzer Kornmarkt hat sich ‚ eingebürgert’. Seit zwölf Monaten treffen sich zwischen 15 und 50 Personen demonstrativ unter freiem Himmel, um schweigend den Opfern von Krieg und Gewalt  Respekt zu erweisen. Aber, darüber hinaus, betonen Johannes Heil und Walter Buder, die den  Schweigekreis vor einem Jahr ins Leben gerufen haben, „ist das gemeinsame Schweigen auch eine Form gewaltfreien Protestes“ gegen Gewalt und Leiden, das Menschen von anderen Menschen zugefügt wird.

„Eigentlich ist die einzige angemessene Form des Respekts, den man den Opfern erweisen kann, Schweigen“  schreibt Michael Fleischhacker – Chefredakteur von nzz.az – angesichts der 71 toten Kinder, Frauen und Männer, die auf ihrem Fluchtweg in ein besseres Leben an der Autobahn bei Parkdorf  buchstäblich „auf der Strecke geblieben sind“. Sie sind wie die Tausenden, die seit vielen Monaten und noch immer im Mittelmeer ertrinken, ein Schrei nach Menschlichkeit und Menschenwürde in Politik und Gesellschaft. Wir sind uns bewußt, dass hinter dem einen wie dem anderen wir selber es sind, die gemeint sind.

„Indem sie schweigen, rufen sie laut“ (Cicero). Diese Toten rufen laut, im dem sie schweigen. Nicht jede_r ist bereit, es zu hören. Deswegen ist dieser Gedanke auch das Motto für das kommende „ Schweigen für Frieden“ auf dem Kornmarkt. Gleichzeitig ist diese Einladung zum HÖREN auch „ eine Einladung für jede und jeden, aktiv und gewaltfrei sein Zeichen der Solidarität zu setzen“ sagen Johannes Heil und Walter Buder, die Initiatoren des Schweigekreises. „Wer immer am Montag um 18 Uhr schweigend auf dem Kornmarkt steht, gibt zu verstehen, dass Mauern, Zäune und bewaffnete Soldaten an den Grenzen Europas und Österreichs abgelöst werden müssen durch Nächstenliebe, Mitleid und eine Politik der offenen Grenzen und Herzen“ sagen die Initiatoren und wissen sich einig mit den Schweigenden vom Kornmarkt. ____________________________________

Schweigen für Frieden
Montag, 7. September 2015, 18h – 18.30h
Bregenz, Kornmarkt

politisch, heilig, genial

381px-Bundesarchiv_Bild_183-19000-2453,_Robert_SchumanAm 4. September waren es 50 Jahre, dass Robert Schumann in Scy-Chazelle (Mosel)  das Zeitliche gesegnet hat. Als Johann-Baptist Nikolaus Robert Schuman ist er am 29. Juni 1886 in Clausen (heute ein Stadtteil von Luxemburg) geboren und getauft (katholisch) worden. Ein „geborener Europäer“ und darin uneinholbar originell: Luxemburger, Deutscher, Franzose im Wandel der Geschichte, zu jeder Zeit und in jeder Hinsicht und durch und durch. Im Leben dieses Mannes gibt es nichts Aufgesetztes. Am 9. Mai 1950 in seiner Rolle als Aussenminister Frankreichs (zwischen 1948 und 1952 in 8 Kabinetten) schlug seine Stunde synchron mit dem „Kairos“ für Europa. Sein politischer Geniestreich legt die Spur für ein Europa des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit: Versöhnung als politisches Konzept. Im Wesentlichen definiert durch die Verweigerung der Weiterführung einer Logik des Krieges und der entschiedenen, aktiven Akzeptanz einer „Logik des Friedens“. Ein politischer Heiliger gar? 

Die Schumann-Erklärung schlägt „die Schaffung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EKGS)“ vor, einer Wirtschaftsgemeinschaft also, deren Sinn und Zweck gar nicht so sehr mit Kapital und Profit verknüpft ist wie das heutige Europa uns glauben machen will, sondern eben darin: „Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.“ Robert Schumans Rede ist kurz und „knackig“. Auch nach den vielen Jahren hat der Text nichts an seiner aufrichtigen Direktheit verloren mit der der französische „Sieger“ sich dem deutschen „Verlierer“ auf Augenhöhe begegnet. Versöhnung und Miteinander im Tun (Wirtschaften) bringen Frieden, das kostbare Gut in den zerbrechlichen Gefässen. Und es ist keine Zeit zu verlieren  – „jetzt“ ist es Zeit. Schuman drängt SOFORT zur TAT zu schreiten – und das nicht im Allgemeinen sondern „in einem begrenzten, doch entscheidenden Punkt“, nämlich zentrale wirtschaftliche Potentiale der Länder ZUSAMMEN zu legen. Schumans Erklärung hat profetische Züge.

Europa soll aussteigen aus der Logik des Krieges und bewusst und entschieden einsteigen in die Logik des Friedens: Abwenden vom tradierten „divide et impera“ der nationalen (und persönlichen) Egoismen und hinwenden zu einer „solidarischen“ Produktionsgemeinschaft. Im Spiegel dieses Textes sieht man deutlich die „Brüsseler Zwerge“ wie sie auf den Schultern der Riesen ihre Spielchen treiben und je tiefer die Sonne steht umso länger werden ihre Schatten. Schuman hatte keinen „Zwergenfrieden“ im Auge sondern ein Europa, dessen „eine Solidarität der Tat“ für die ganze Welt – modellhaft und in aller Freiheit – anbietet.

Das Diözesanverfahren für die Seligsprechung Robert Schumans wurde am 29. Mai 2004 abgeschlossen und an Rom übergeben. Zu seiner Zeit als Aussenminister begegnete er auch dem damaligen Nuntius in Paris, Angelo Roncalli: „Er ist der einzige Mann in Paris, in dessen Gesellschaft man die physische Empfindung von Frieden hat.“ (1) bemerkte Schuman. Dieses „Gespür“ weist hin auf die „Spiritualität“ dieses Mannes. Seine zölibatäre Lebensweise aber auch andere, wesentlichere Charakterzüge seiner Person, lassen die charismatische Gestalt eines katholischen Laien mit viel Zukunftspotential erkennen.

Der zu Beginn seines Lebens getaufte Katholik Robert Schuman und die bis in ihre Todesstunde ungetaufte Simone Weil (1909-1943) sind sich nie begegnet. Aber sie teilten die Begabung des Gespürs für den „Kairos“, für die Bedeutung der Stunde, der Zeit, in der Welten aus den Angeln gehoben und Neuanfänge an den Tag kommen. Schuman scheint mir – unter zahlreichen anderen – auch einer von der Sorte zu sein, die – zur meist verkannten und häufig mißbräuchlich auf (die) Kirche(n) reduzierte  – „unerhörten Größe des Christentums beitragen, die daher kommt, dass es nicht ein übernatürliches Heilmittel gegen das Leid sucht, sondern eine übernatürliche Verwendung des Leids.“ Mit scheint, das Schuman gegeben war, was Simone Weil zeitlebens Schmerz bereitete: „Das Höchste ist nicht, das Höchste zu verstehen, sondern es zu tun. Die Welt braucht Heilige mit Genie.“ (2) So könnte es sein.

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Foto: wikicommons (bundesarchiv.de)
(1) zit. nach A.Kirchmayer, Johannes XXIII. – ein Papst mit christlicher Spiritualität und Humor. In: H. Kohlmaier, Gedanken zur Zeit. Nr. 75 vom 14. Jänner 2013, S.6.
(2) zit. nach Michael Schneider, Wegmarken

Zeitlebens

Biuschofundich_2ISKENDERUN. 21. Jänner 2013. Das alte Alexandrette, eine Gründung Alexanders des Grossen, ja der: „drei-drei-drei bei Issos grosse Keilerei“ – in gleichen Jahr 333 v. Chr., gleich nach der Schlacht sozusagen. Ein paar Jahre und einige Schlachten später kamen wir, die Friedensradler im Jahr 2009, am 10. Mai, ein Tag voller Sonnenschein und Wärme und kein Schlachtenlärm weit und breit. Aber – ob Frieden war?  Den Iskenderun-Kebap hatte ich in Istanbul kennen und schätzen gelernt. Wie Bischof Luigi Padovese (im Bild rechts), der uns an jenem Maitag erwartete. Der Duft von frischem Espresso und die ruhige Gelassenheit des Bischofs im weiten, schattigen Innenhof des schönen Anwesens, gleich bei seiner Kirche – so etwa könnte Frieden sich anfühlen, wenn er in der Liebe Gottes wurzelt und mit Vergebung einhergeht. Denn: Don Luigi Santoro, ein priesterlicher Mitarbeiter des Bischofs ist am 5. Februar 2006 in Trabzon (türkische Stadt am Schwarzen Meer) während er in der Kirche betete, von hinten erschossen worden. Der Bischof richtete daraufhin in seinem Haus das „Instituto per il dialogo religosa Don Andrea Santoro“ ein und veranstaltete jedes Jahr interreligiöse Tagungen, Gespräche und Dialoge mit Wissenschaftlern aller Glaubensrichtungen. Mit Bischof Liugi fanden wir Herzensgüte gepaart mit Intellekt und biblisch inspiriertem Glauben an Christus. Wir – die Friedensradler – waren längst wieder zu Hause. Da traf es mich wie eine Keule: „Unser“ bischöflicher Freund war am 3. Juni 2010 von seinem Chauffeur, der in einem Vertrauensverhältnis zu ihm stand, in seinem Auto mit einem Messer erstochen. Bisschen viel auf einmal für eine sehr alte, türkische Stadt am Mittelmeer. Aber es ist altes Glaubensland, ein Wetterwinkel der Religion, das alte Land der Bekenner und Glaubenszeugen, immer schon und wenn du Barbara, Margarethe, Kosmos oder Damian, Bonifatius oder Blasius heißt, bist du nicht nur dabei sondern mittendrin. Wie die deutschen Raketenbatterien mit dem sinningen Namen „Patriot“. Sie sind am 21. Jänner 2013 im Hafen von Iskenderun an Land gefahren. Syrien ist nicht mehr weit. Dort ist schon (viel zu) lange Krieg, Mord und Totschlag und unendliches Leid, von den Flüchtlingen gar nicht zu reden. Iskenderun ist nicht nur einer der größten MIttelmeerhäfen sondern ein ebenso wichtiger amerikanischer Luftwaffenstützpunkt – ok, hi patriots! – Herr Oberst Marcus Ellermann, der den NATO-Einsatz der Raketenungeütme an der syrisch-türischen Grenze begleitet, sprach von einem „Signal der Abschreckung“. Nun, hatten wir nicht gerade diese Abschreckungssache hinter uns gelassen, uns gefreut, dass es nun vorbei sein könnte. Nichts da, Freude ist nicht so sehr gefragt bei der Abschreckung. Also:  Ich war mit dem Fahrrad in Iskenderun, mit Freunden, und wir haben ihn, das göttliche Geschenk erahnt, so – wie es in der Bibel heißt – den Frieden, wie ihn die Welt zwar nicht GEBEN – aber ERAHNEN – lassen kann. Aber die Panzer rasseln durch meinen Kopf, und die Raketen stechen in den syrisch-türkischen Himmel, der ihrer grad wie auch meiner ist, und im Traum gründe ich interreligiöse Friedensinstitute, in denen es nach echt italienischem Espresso duftet, zubereitet von grauhaarigen, fröhlichen Nonnen.